Wie der Verein zu seinem Lastenrad kam

Sonntag

Es war einmal vor langer Zeit, da wollte eine kleine Fahrradselbsthilfewerkstatt ein Lastenrad haben. Denn ohne ein solches war es sehr schwierig und unbequem, all das Werkzeug, welches bei „mobilen Terminen“ benötigt wurde, quer durch die Stadt zu transportieren. Lange blieb es lediglich bei dem Wunsch – ein Zukunftstraum – doch irgendwann war ein wenig Geld übrig, und die Vereinsmitglieder begannen, ihre Fühler auszustrecken. Ein neues Lastenrad war unerschwinglich, das war schnell klar. Also musste nach etwas Gebrauchtem Ausschau gehalten werden. Nur gibt es diese nicht gerade wie Sand am Meer und schon gar nicht in der näheren Umgebung. So ergab sich selbst bei erfolgreicher Jagd noch immer ein logistisches Problem: Schließlich faltet man ein Lastenrad nicht mal eben in den Kofferraum.

Daraufhin erklärte sich Eyk, ein noch leidlich junger Mechaniker des Vereins, bereit, ein etwaiges Gefährt oben genannter Gattung per Muskelkraft in die Heimat zu befördern, da er sehr gern Rad fährt und noch lieber Urlaub macht. Der Vorstand genehmigte auch sogleich eine Freistellung auf fünf Tage, falls eine Überführungsfahrt notwendig werden sollte. In der Zwischenzeit kraulte Daniel stundenlang durch Datenströme, um ein geeignetes Transportrad ausfindig zu machen. Mehrmals glaubten wir uns dem Ziel nahe und unterlagen dann doch den pekuniären Realitäten – ein Trauerspiel.

Eines Tages aber war es soweit, und ein Bratwurststand wurde gegen eine gewisse Menge lustig bedruckter Papierblättchen getauscht. Nun konnte die Reise beginnen, von welcher Eyk berichten wird.

„An einem Sonntag im Juli war es soweit, dass ich mich auf den Bahnhof Dresden-Neustadt begab und in den Zug einstieg. Mein Rucksack war gefüllt mit jeder Menge Werkzeug und verschiedensten Ersatzteilen, dazu natürlich Schlafsack und Zelt nebst Leckereien sondergleichen. Mein Ziel, zumindest jenes meiner Zugfahrt, hieß Salzwedel in Sachsen-Anhalt, und mein Plan war es, von dort nach Havelberg an der Elbe zu fahren, um dann im Weiteren dem Verlauf des Elberadweges bis nach Dresden zu folgen. Circa 400 bis 450 Kilometer beträgt diese Strecke, was mit einem „normalen“ Reiserad und etwas gutem Willen in zwei Tagen zu bewältigen ist. Mit dem Lastenrad, welches natürlich ungleich beschwerlicher zu fahren ist, hatte ich mir vorgenommen, bis spätestens Freitagabend wieder in Dresden zu sein. Der arme Bernd würde mal wieder eine Woche ohne mich in der Werkstatt auskommen müssen – alleine nicht immer ein angenehmer Job, auch wenn die Arbeit grundsätzlich viel Spaß macht. Um mir die Heimreise ein wenig zu erleichtern, hatte ich noch eine speziell verstärkte 5-Gang-Nabeschaltung eingespeicht, und so war ich ganz gut bepackt.

Gegen 4 Uhr nachmittags langte ich in Salzwedel an und wurde auch gleich von der Besitzerin des Lastenrades in Empfang genommen. Nach einer kurzen Autofahrt erreichten wir das Restaurant, zu dessen Inventar (respektive Exventar, weil´s ja immer draußen stand) bis vor kurzem noch der fahrbare Bratwurststand gehörte. So recht mochte man mir noch immer nicht glauben, dass ich tatsächlich mit dieser Kiste nach Dresden fahren wolle, ich aber machte mich unverzagt daran, die Nabenschaltung zu installieren.

Nach anderthalb Stunden war der Umbau erledigt, ein anderer Sattel montiert und alles reisegerecht verstaut.

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Zum Abschied gab´s noch ein Eis und eine Cola und gegen 18 Uhr rollte ich von dannen. Ach herrje, wie sich das fuhr: alles klapperte und schlackerte, in Kurven fiel man fast vom Rad – eine schöne Bescherung. Was sich der Eyk da nur wieder gedacht hat, mit einer solchen Gurke nach Dresden fahren zu wollen. Aber nun muss es eben sein, kneifen ist nicht. Ob der ungewohnten Fahreigenschaften saß ich einigermaßen verkrampft auf dem Rad und versuchte schlingerfrei geradeaus zu fahren, was gar nicht so einfach war. Nach ein paar Kilometern ging´s dann schon leidlich gut und es machte langsam Spaß.

Dann kam der erste Schaltvorgang: ein Knacken, ein Krachen und nichts drehte sich mehr. Klasse, genau so hatte ich mir das vorgestellt. Eine Lastenradnabe, was? Verstärkt, Cargo, hmm? Oller Plastikscheiß!

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Der Schaltgriff war einfach auseinander gefallen und irgendwelche Nasen abgebrochen. So richtig zusammenstecken ließ er sich nicht mehr und auch die Rasterung war dahin. Super, dann eben doch ohne Schaltung heimfahren. Ich steckte den Schalthebel demnach so halb und halb zusammen und der 4. Gang schien zu halten. Der war nun recht knackig und das Treten in dieser Übersetzung ist am ehesten damit zu vergleichen, mit zwei Kohleneimern ganz gemächlich, jedoch stetig, eine Treppe hinaufzusteigen, nicht so, dass man schnaufen müsste, einem aber durchaus die Knie ein wenig beben. Immerhin brachte es mein stolzes Ross mit Grill und Gepäck auf ungefähr 80 Kilogramm Eigengewicht.

So kam ich bergan auf die geniale Idee, es einmal mit dem guten alten Wiegetritt zu probieren: Ich hatte noch gar nicht ganz angesetzt, da bog mein Gefährt auch schon im rechten Winkel ab und ich polterte unter allerlei Geräuschentwicklung einen 20 Zentimeter hohen Bordstein hinauf und konnte ein Umkippen gerade noch unterbinden. Peinlich, peinlich! Hoffentlich hat´s keiner gesehen.

Wir können also festhalten, dass eine sitzende Fahrweise deutlich zu bevorzugen ist. Viel mehr als 25 Kilometer bin ich an diesem Abend nicht gefahren und habe mich kurz vor Seehausen ins Unterholz geschlagen, um Nachtlager zu beziehen. Spätestens auf Sandwiesenwurzellochwegen macht es so gar keine Laune mehr, mit dem Ding zu fahren: Ständig bleibt´s irgendwo hängen oder biegt unvermittelt ab und von rollen kann keine Rede mehr sein. So entferne ich mich nicht allzu weit von der Bundesstraße und nehme eine etwas lautere Nacht in Kauf (wer jemals versucht hat, in einer Bushaltestelle an einer Landstraße zu schlafen, wird jeglichen anderen Ort als einen der inneren Einkehr und Ruhe betrachten).

 

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Doch da, plötzlich, während ich im Begriff bin, mein Zelt aufzubauen, wohne ich völlig unvermittelt einem erhabenen Moment der Evolutionsgeschichte bei: Eine Hummel wird sich direkt vor meinen Augen des Umstandes bewusst, dass sie rein aerodynamisch betrachtet überhaupt nicht in der Lage ist, den Vogelflug zu vollziehen, und prompt versagt ihr Flugapparat.

Brummend, summend und zunehmend ungelenker und hilfloser strauchelt das arme Geschöpf durch´s Blaubeergesträuch und wehrt sich tapfer gegen sein Schicksal. Doch vergebens, der Flug will nicht mehr gelingen.

Glücklicherweise sind Hummeln sehr vergessliche Tiere, sodass jenes Exemplar nach etwa fünf Minuten seine unbeschwert summende Existenz wieder aufnehmen konnte.

Übrigens gibt es in Sachsen-Anhalt Mücken.

Montag

Nun denn, der erste wirkliche Reisetag ist angebrochen und ich bin gespannt, wie weit ich kommen werde. Gegen 9.30 Uhr gelingt mir der Aufbruch und ich bewege mich recht zäh in Richtung Seehausen. Dort falle ich in den erstbesten Supermarkt ein und trage große Mengen Süßigkeiten und verschiedene Getränke heraus. Meine Ernährung auf Radreisen ist mir mitunter selbst in höchstem Maße suspekt. Für gewöhnlich setzt sie sich aus größeren Mengen Salami, Schokoriegeln und Cola, hingegen aber weit kleineren Dosen Brotes zusammen.

Frisch gestärkt mit Eis am Stiel setze ich mich wieder in Bewegung Richtung Havelberg. Endlich wird die Landstraße schmaler und der Verkehr tendiert gegen Null. Erstmalig kommen etwas Entspannung und Urlaubsgefühl auf.

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Kleine, gemütliche Kuhdörfer werden durchfahren und Zeit wie Kilometer plätschern munter dahin. In Werben an der Elbe biege ich nach Süden ab und befinde mich nun tatsächlich auf dem linkselbischen Teil des Elberadweges. Von Radwegen allerdings scheint es einige recht diametral sich gegenüber stehende Definitionen zu geben. Zumindest ist es mir nicht gelungen, jenen zerlöcherten Feldweg, welcher mit einem Radwegzeichen versehen war, mit dem schönen Bild in Kongruenz zu bringen, das vor meinem inneren Auge so wunderbar defilierte: ein schwarzes Band sanften Asphalts, das sich, aller Unebenheiten bereinigt, gleichmäßig durch idyllische Auen und tiefduftende Wälder hinzieht, wie es sonst nur mit Honigmilch gefüllte Flüsse in anderen Gegenden tun.

Stattdessen ergab ich mich in wilde Slalomfahrten und betäubte meine Ohren ebenso intensiv mit dem Geschepper meines Gefährtes, wie ich kurz zuvor noch mein inneres Auge mit der Schönheit eines Idealbildes betört hatte. Wut wandelte sich in Gleichmut und so taumelte ich eine Weile dahin. Schlussendlich schien man Erbarmen mit mir zu haben und ließ in einiger Entfernung ein Dorf erscheinen, das mit anderem Straßenbelag frohlockte. Das tat es dann auch wirklich: Kopfsteinpflaster, juchhee! Natürlich mit fehlenden Steinen. Da wurde ich doch ein wenig ungehalten und mein innerer Dialog gestaltete sich alles andere als sublim. Ich frage mich sowieso, woher man dort all die Granitsteine hat, da doch das ganze Land von pleistozänen Geschieben geprägt ist – totaler Quatsch! Zum Glück ist den Ureinwohnern irgendwann das Kristallin ausgegangen, was sie wohl dazu bewogen hat, sich herabzulassen, doch eine Partie des Radweges mit Bitumen zu versehen. Daraufhin war ich ein wenig befriedet. Nun tauchte auch die erste Fahrzeugsperre auf. Ich näherte mich gespannt in der Hoffnung hindurchzupassen. Zu meiner vollen Zufriedenheit hatte man der Bratwurstindustrie ihren Tribut gezollt und den Pollerabstand auf etwas über einen Meter festgelegt, sodass ich mit verminderter Geschwindigkeit problemlos passieren konnte.

Das beständige Springen zwischen Präsens und Präteritum ist übrigens reines Stilmittel, weshalb es mir nicht als Fehler angerechnet werden darf. Was ich damit bezwecke, behalte ich aber für mich.

Man glaubt gar nicht, wie viele Schrauben ein so simples Gefährt haben kann. Ich bin mir dessen auch erst bewusst geworden, als ich mich dem Versuch hingab, alle lockeren Schrauben festzuziehen – es waren eben wirklich alle. Nur der Sattel war fest – immerhin. So verbringe ich ein gutes Stück Montag damit, mein Fahrrad von überflüssigen Geräuschen zu befreien. Die Pedale sind lose, das Tretlager klappert, das Hinterrad hat Spiel, die Vorderräder rutschen auf der Achse hin und her und die Lenkung wackelt. Unglaublich! So gut es nun mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen geht, wird alles festgezogen und eingestellt. Welch ein Unterschied! Mit stoischer Ruhe fährt mein Panzer plötzlich geradeaus. Ebenfalls ist die Geräuschentwicklung einer deutlichen Deflation unterworfen. Wenn jetzt noch die Schaltung funktionierte, was wär` das Leben schön. Die Knie brummen inzwischen nicht ganz unerheblich, ich aber rede mir das Ganze mit einem enormen Muskelwachstum schön. Auch die Defloration des von mir montierten Sattels gestaltet sich weit schwieriger als angenommen. Das Biest wehrt sich energisch und dumpfer Schmerz wallt in mir auf.

In der Zwischenzeit konnte ich weitere Definitionen von „Radweg“ erfahren. Sehr beliebt sind mit Betonplatten bestückte Wege für landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge. Sie werden mit der bereits bekannten Plakette „Elberadweg“ versehen, woraufhin sich die hellgraue Konglomeratspur augenblicklich in eine Mehrzwecktrasse verwandelt. Für den Durchschnittsradwanderer mag eine solche Schneise durchaus etwas Erquickliches haben, führt sie doch fern des üblichen Verkehrs durch schöne Kulturlandschaften. Als Vertreter der Gattung „Transportradfahrer“ verhält sich das allerdings anders und zwar aus Gründen, die ich gleich benennen werde. Diese Wege bestehen nämlich aus zwei parallel zueinander verlaufenden Betonspuren mit einem dazwischen befindlichen Streifen aus Schotter, Gras oder auch Betonlochpflaster. Die Betonstreifen wiederum sind in elf von dreizehn Fällen um circa fünf bis zehn Zentimeter schmaler als mein Lastenrad breit, was wiederum bedeutet, dass dieses Ding, welches eh schon nicht richtig rollt, nun auch noch permanent mit einem Rad im Gras oder Lochpflaster hängt. Das Fahrvergnügen ist unbeschreiblich! An diesem Tag komme ich bis Bertingen nördlich von Rogätz und schlafe aus bekannten Gründen unter steten Verkehrsgeräuschen ein.

 

Dienstag

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Nach dem Frühstück suche ich mir am Schlafplatz einen Ast und bringe ihn vermittelst meines Taschenmessers in eine von mir erdachte Form. Ich pfropfe den Aststumpf in den Schalthebel und wirke gewaltsam darauf ein bis die Schaltung wieder funktioniert.

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Wunderbar. Mit Einschränkungen kann indes durchaus wieder geschaltet werden. Na denn man los! Endlich Gegenwind. Ich hatte mich tatsächlich schon gewundert, wo er bleibt, dieser treueste Freund des Radfahrers. Zum Glück ist der Belag vorerst so gut, dass man sich in Träumereien ergehen kann und die Reisegeschwindigkeit daher zur Nebensache wird. In Rogätz nehme ich die Elbfähre und wechsele erstmalig ans rechte Elbufer. Die Straßenverhältnisse in Sachsen-Anhalt schreien wirklich zum Himmel. Man sollte dringend ein Förderprogramm auf die Beine Stellen, um den armen Menschen dort Bitumen, Richtscheite und Straßenwalzen zukommen zu lassen. Meine Hinterbacken wurden von dem Gerüttel auf jeden Fall nicht besser. Geschüttelt von Schmerz griff ich interessiert in meine Radhose und wurde recht unvorbereitet mit etwas Glibberigem konfrontiert. Bei näherer Betrachtung ließ sich nicht leugnen, dass das wohl mal Haut gewesen war. Na lecker! Demnach gab es erst einmal eine Hand voll Vaseline ins Höschen.

Im Folgenden trüben Schmerz und Erschöpfung meine Wahrnehmung, sodass die Ausführungen trotz identischer Tageslänge wohl deutlich kürzer ausfallen werden.

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Unter den üblichen Unannehmlichkeiten wie Gegenwind und fehlendem Straßenbelag komme ich gut voran und erreiche nachmittags Magdeburg, das mich mit einer wunderschönen Parklandschaft begrüßt, die sich über viele Kilometer erstreckt.

Nun beginnt der landschaftlich schönste Teil mit dem „Biosphärenreservat Mittelelbe“. Über eine Wegstrecke von einigen Dekakilometern wird man von ursprünglich anmutenden Auwäldern und ausladenden Schotterfluren begleitet. Ein Genuss für den Naturfreund!

Ich fühlte mich gerade wieder ganz fit und alles flutschte, als mich ein wabernd schwabbelndes Gummiquietschgeräusch aus meinem tranceartigen Dahingleiten aufschreckte. Ein Platten! Super, es geht eben einfach nicht ohne die Klassiker. Gegenwind hatten wir schon, da war er schon dran, der Platten. Wunderbarer Weise auch noch am Vorderrad, wo das größte Gewicht liegt. Freilich habe ich keine Lust, den kompletten Laderaum auszuräumen, und selbst dann würde ich beim Umkippen noch das vordere Schutzblech beschädigen. Kurze Zeit überlege ich hin und her, was ich unter die Achse legen könnte, nur habe ich nichts Passendes dabei und Feldsteine sind nicht in Sicht. Wie ich mich so umschaue, bemerke ich, dass die Radwechselabschnittsbevollmächtigten so freundlich waren, Montagerampen am Wegesrand zu installieren. Also schob ich meinen invaliden Panzer zur nächsten Rampe und auf sie drauf, woraufhin ich sehr gepflegt und stilecht den defekten Schlauch entnehmen konnte.

 

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Wie es sich gehört, war es ein Plattfuß sine causa, aber sei es drum. Der Flicken hielt und die Fahrt konnte fortgesetzt werden. Bis nach Roßlau habe ich es an diesem Tage noch geschafft. Kurz nach Ortsausgang wollte ich wieder Quartier im Wald beziehen, musste jedoch nach zehn Minuten fluchtartig das Weite suchen, da ich mich der Bremsenangriffe nicht mehr erwehren konnte. Ein Stück weiter gab es dann eine befestigte Abfahrt zur Elbe herab, welche ich rasant und beinahe kontrolliert bewältigte. Schön war´s da unten, zudem weitgehend insektenfrei. Dummerweise saßen am anderen Ufer zwei Angler und ich fühlte mich schon arg beobachtet. Zelten im Biosphärenreservat ist schließlich nicht ganz legitim. Also benehme ich mich möglichst unauffällig – so kann man sich zum Beispiel eine dreiviertel Stunde lang die Füße waschen. Anschließend schaut man stark gleichgültig interessiert in die Gegend, wobei man sich dann und wann durch Nahrungszufuhr in seinem Schauen unterbrechen kann. Danach muss man sich unter Umständen die vom angestrengten Schauen erneut verdreckten Füße waschen. Nur ein Lager aufschlagen – das sollte man nicht. Eilig hatten die zwei es nicht gerade und so saßen wir zu dritt an der Elbe – ich hier, sie dort. So folgte ich weiter meinem Plan im möglichst unauffälligen Nachgehen von gewissen Beschäftigungen. Einige Zeit nach Einbruch der Dunkelheit verkrümelten die beiden sich endlich, was mich bewegte, meine holde Schlafstatt herzurichten. Just als ich ins Zeltinnere Krabbeln will, um friedlich zu entschlummern, höre ich neben mir seltsame Geräusche von der Art einer Bache mit vier Frischlingen und fahre hoch. Plötzlich schnaubt und grunzt es in einigen Metern Entfernung und tatsächlich: Eine (nun erschrockene) Bache prescht mit vier Frischlingen im letzten Zwielicht durchs Unterholz davon. Da ging mir der Arsch ganz schön auf Grundeis, wobei die Kühle die entzündeten Stellen angenehm linderte. An Schlaf war nicht zu denken. Jedes Rascheln bedeutete mir mindestens zehn Wildschweine. Dazu kam die siebzig Meter entfernte Bundesstraße mit einem perversen Lärmpegel, der schon fast an Bushaltestellennächte heranreichte. So wachträumte und halbschlafte ich bis zum Morgengrauen und war einigermaßen gerädert, aber froh, dass es endlich hell war. Das gesamte Außenzelt war mit Schneckenspuren überzogen und lustigen grünen Würsten zuexkrementiert, einfach ekelhaft.

Was denken die sich eigentlich dabei?

Gegen sieben Uhr war ich startklar. So beginne ich das Tagwerk des Mittwoch, komme aber nicht vom Fleck. Die Rampe, die ich mich gestern hinabgestürzt habe, ist so steil, dass ich nicht mehr hochkomme. Beim Versuch, die 80kg dort hinaufzuschieben, kippt das gesamte Fahrzeug lediglich über die Vorderachse, rollt aber kein Stück vorwärts. Schöner Mist!

Schließlich gelingt es mir, das Rad quer hinauf zu bugsieren, indem ich schräg jeweils einen halben Meter vor und wieder zurück fahre. Erst einmal gilt es nun wieder Bundesstraße zu fahren, was im Berufsverkehr sehr unangenehm ist. In Coswig stürme ich einen Plusmarkt und decke mich erneut mit Wurst, Süßkram und Cola ein, auf dass der Tag ein erfolgreicher werde. Bis Wittenberg zieht es sich dann recht arg, obgleich es gar nicht weit ist. Dort biegt die Elbe wieder nach Süden ab und ich schlage jetzt direkten Heimatkurs ein. Der Radwanderverkehr nimmt ab Wittenberg aufs Erstaunlichste zu.

Das Wetter hat es bisher gut mit mir gemeint, heute allerdings macht es Anstalten zu kippen wie ein eutrophiertes Binnengewässer. Während ich auf einem Esstisch vor Klöden den Schlaf der Gerechten schlafe, braut sich am Horizont nämlich so einiges zusammen. Folglich übertreibe ich es nicht mit meinem Mittagsschläfchen und begebe mich auf diese Weise erquickt auf die Regenflucht. Mit ein paar geschickten Täuschungsmanövern gelingt es mir in den nächsten anderthalb Stunden auch, allen Schauern auszuweichen und ich bleibe trocken.

Kurz vor Prettin lieferte ich mir dann bei Rückenwind noch ein Rennen mit einem siebenundsechzigjährigen Fettwanst auf einer Schwalbe mit Hänger. Dieses lustige Mopsgesicht und ich verausgabten uns über 5 Kilometer Kopf an Kopf bei 22km/h, wobei wir uns gar witzig unterhielten. Seine quäkig schrille Stimme kam mir sehr drollig vor und verlieh der Situation etwas reichlich Absurdes. Diese Zusammenkunft hat mich sehr amüsiert.

In Prettin wechselte ich per Fähre wieder aufs linke Elbufer in Richtung Dommitzsch.

Hui, da blies der Rückenwind. Ich warf mir noch schnell einige Schokoriegel und Cola ein und ab ging´s auf Touristenjagd. Jetzt wirkte der Kistenaufbau als Segel und es ging sehr rasant zur Sache. Geschätzte 30km/h waren es schon, was sich auf diesem Geschoss jedoch noch deutlich schneller anfühlt. Tja, da schauen sie nicht schlecht die Herren und Damen Radwanderer, wenn´s hinten plötzlich bimmelt und ein Dreikant vorbeigeschossen kommt. Ein Heidenspaß! Da wurde unter ächzenden Reifen wild durch Kurven gedriftet und wirklich alles und jeder überholt. Welche Genugtuung nach all der Kriecherei die letzten Tage. Einige Kilometer hielt ich das durch, dann war die Puste weg. Da kam mir eine Bank mit Tisch gerade recht und ich tarnte meine Erschöpfung als Hunger. Nicht lange, da kamen sie auch schon alle angefahren – jetzt bloß nichts anmerken lassen, eine entspannte Position einnehmen und teilnahmslos wohlwollend in die Runde blicken. Nicht, dass ich eine Pause nötig hätte, nein, nein. Ich kann es mir nur einfach leisten hier herumzusitzen, so schnell wie ich bin.

Nach angemessener Verschnaufzeit nahm ich gemütlich wieder Fahrt auf und hatte inzwischen enorm mit meinem Hinterteil zu kämpfen. Ich ging jetzt dazu über, mit dem Steißbein auf der Sattelspitze zu sitzen, was vorerst Entlastung brachte. Bald war Torgau erreicht und es roch schon sehr stark nach Heimat. Auch war ich mir nun sicher, dass ich bereits am Donnerstag Dresden erreichen würde. Bloß gut, denn so langsam wurde der Kampf mit dem Schweinehund anstrengend. Ich hatte einfach keine Lust mehr zu treten und gleich gar keine zu sitzen, musste aber doch beides tun, um irgendwann anzukommen und endlich zu entspannen.

Beim zu flotten Durchfahren eines Straßengrabens in Torgau hätte ich mich dann fast noch überschlagen – gerade noch mal gut gegangen. Etwas südlich von Torgau unterhielt ich mich dann noch äußerst wonniglich mit einem Herren mittleren Alters über die Besonderheiten beim Befahren balinesischer Vulkane mit dem Fahrrad, ehe ich neuerlich einer Schlechtwetterfront gewahr wurde und wiederum die Flucht ergriff.

An einer Straßenkreuzung in Weßnig war ich gezwungen einen Augenblick innezuhalten, um mich des korrekten Weges zu vergewissern, wobei mir zwei adrette junge Damen auffielen, die sich mitten auf der Kreuzung im Gespräch befanden und mir gegenüber ihre Verwunderung zum Ausdruck brachten, welch seltsame Gefährte in der letzten Stunde doch hier vorüber gefahren wären, und dass ich dem Ganzen nun noch die Krone aufsetzte. Beglückt durch das weibliche Zwischenspiel nahm ich gut gelaunt wieder Fahrt auf. Aus einiger Entfernung sah ich dann, wie sich das Duo trennte und eine der beiden Damen meine Verfolgung aufnahm, ohne dies vielleicht wirklich getan zu haben. Auf jeden Fall nahm ich etwas Druck vom Pedal, denn was kann es schaden, sich von der holden Weiblichkeit einholen zu lassen. Es dauerte auch nicht lange und sie fuhr an mich heran. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass sie ortskundig war. Sie meinte, wenn ich nach Belgern wolle, so kenne sie da wohl eine Abkürzung – ich müsse ihr nur folgen. So führte sie mich über Schleichwege durch die Dahlener Heide und wir unterhielten uns äußerst angeregt über das Damals und Heute der Dresdener Kunsthochschule. Schön war´s und schade, das sie in Belgern bereits ihr Ziel erreicht hatte.

So machte ich mich allein wieder in die Spur, doch durchaus frohen Mutes. Petrus schien sich meine Finten vom frühen Nachmittag gemerkt zu haben und schickte nun eine Regenfront auf der gesamten Breite des Horizontes, die Sau!

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Das war vielleicht eine fiese Dusche. Auch mein Kisteninhalt schwamm lustig vor sich hin.

So hielt ich am ersten Haus von Plotha und fragte drei Herren, ob sie nicht einen Unterschlupf für mich wüssten. Als ich meinte, ein Schuppen würde genügen, entgegnete einer von ihnen, ich könnte im alten Fährhaus von Mühlberg unterschlüpfen. Er sei der Fährmann und da ginge das schon in Ordnung. Klasse Sache, man muss halt nur mal den Mund aufkriegen. Also fuhr ich noch die zwei Kilometer und tatsächlich: an der Fähre gab es ein Häuschen mit Schuppen. Nach kurzem Aufräumen passten dann auch Fahrzeug und Fahrer hinein. So verbrachte ich die Nacht im Trockenen und konnte gemütlich dem plätschernden Regen zuhören. Geschlafen habe ich aus unerfindlichen Gründen trotzdem nicht gut, weshalb ich Punkt 6 Uhr der erste Fährgast nach Mühlberg war. Am anderen Ufer saß Adebar auf einer Laterne und bot zu morgendlicher Stunde einen schönen Anblick dar, wie er so sein Reich überblickte.

Ich kehrte in Mühlberg beim Bäcker ein und nahm einen guten Kaffee zu mir. Die Bäckersfrau schenkte mir Kuchen für den Tag und ich war glücklich.

Der Rest des Vormittags war eine schöne Mischung aus Schmerzen, Unlust, Erschöpfung und dem guten Gefühl, bald zu Hause zu sein. Halb eins war es endlich geschafft und ich saß glücklich in unserer Werkstatt, anderthalb Tage schneller als gedacht und einfach nur froh, diese wunderbare Reise gemacht zu haben.

 

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